Vielleicht glaubt Ihr es ja nicht, aber mein Liebster und ich, beides gebürtige Berliner, waren bis zum Samstag noch nie im Leben auf der Berlinale. Anfang der 80er beim Fantastival (Festival des Fantastischen Films), das ja, aber Berlinale nie. Weiß der Geier weshalb.
Wir beschlossen dies zu ändern, und weil wir Schweden und schwedische Filme mögen, haben wir Samstagnacht im Colosseum 'När Mörkret Faller' ('When Darkness falls') angesehen. Ein im wahrsten Sinn des Wortes finsterer Film. Finster, das Wort, das wir früher benutzten, wenn etwas schlimm war, wenn uns etwas getroffen hatte.
Ich würde wirklich gerne wissen, ob es außer 'Pippi Langstrumpf' eigentilch einen fröhlichen schwedischen Film gibt…
När Mörkret Faller, also.
Der Film erzählt drei Geschichten. Die von Leyla, Aram und Carina. Der Text auf der Berlinale-Seite (unten zitiert), gibt nicht annähernd das wieder, was den Film ausmacht. Das Oberthema ist Gewalt. Keine Rambo-Gewalt, aber ebenso sinnlos, letztendlich. Innerfamiliäre Gewalt v.a., aber auch die Gewalt der Straße im Fall von Arams Geschichte.
Die erfolgreiche Fernsehjournalistin Carina, die vor den Augen ihrer Kinder immer wieder von ihrem Mann Håkan geschlagen wird, und den sie trotzdem nicht wegschickt, bis zu dem Tag, an dem er sie mit einem Badminton-Schläger am Kopf blutig prügelt. Da macht sie es öffentlich, sogar im Fernsehen.
Carina hat Angst vor der Reaktion ihrer Schwiegermutter, aber die zeigt ihr eine Narbe am Hals: "Ich habe fast vierzig Jahre gebraucht um Håkans Vater zu verlassen."
Carinas kleiner Sohn sagt, "Mama, ich finde es gut, dass du im Fernsehen darüber gesprochen hast. Jetzt weiß ich wenigstens, dass ich später meine Frau nicht schlagen muss." Das Publikum lacht. Ein hilfloses Lachen, fast das einzige. Ansonsten herrscht Totenstille.
Sehr bedrückend auch die Bedrohung, die Aram und seine Familie durch ein paar Ganoven erfährt, von denen einer wild in eine Menschenmasse vor Arams Restaurant geschossen hat, und dessen Gesicht Aram und sein Türsteher gesehen haben.
Am allermeisten hat uns jedoch Leylas Geschichte geschockt, die mit ansehen musste, wie ihre ältere Schwester wie ein Tier von der 'christlichen' (Leyla trägt ein Kreuz um den Hals und sagt, sie seien keine Muslime) türkischen (?) Großfamilie über eine stark befahrene deutsche Bundesstraße gescheucht wird. Gerade noch unverletzt davongekommen, steht der andere Teil der Sippe auf der gegenüberliegenden Seite im Wald und scheucht sie zurück. Beim dritten Mal wird sie von einem Lastwagen erwischt. Ich weiß nicht, wie sie es gedreht haben, aber diese Szene werde ich nicht vergessen. Und all das, weil fälschlich angenommen wurde, die 19jährige hätte etwas mit einem Mann. Leyla geht zur Polizei, wird von ihrer Familie gefunden und soll auf ähnliche Art entsorgt werden, aber da endlich greifen ihre Brüder couragiert ein.
Ich korrigiere mich: Es ist ein Film über Gewalt und Courage. Einer der eindringlichsten Filme, die ich je gesehen habe.
Am Ende hat das Publikum geklatscht. Vermutlich ist das bei der Berlinale so, es war ja unser erster Film. Wir beide haben nicht geklatscht. Nicht, weil uns der Film nicht gefallen hätte, denn das hat er. Wohl eher, weil wir, wie mein Liebster sagte "mein dem Film noch nicht fertig" waren.
Schaut ihn euch an, aber nehmt jemanden mit, der eure Hand halten kann.
-> Berlinale-Text: